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Medienmündig: Wie unsere Kinder selbstbestimmt mit dem Bildschirm umgehen
Autor: Paula Bleckmann Kategorie: Digitale Balance, Onlinespielsucht, Onlinesucht, Social Media Herausgeber: Klett-Cotta Erscheinungsjahr: 2018 ISBN: ‎ 978-3608963809 Seiten: 251 Sprache: Deutsch Auf Amazon kaufen
Beschreibung:

Zu früher Medienkonsum führt in die Abhängigkeit, nicht in die Mündigkeit. Wie Kinder mit Unterstützung ihrer Eltern medienmündig statt süchtig werden, vermittelt die Medienpädagogin Paula Bleckmann. Die Autorin behandelt im Buch u. a. folgende Themen: – Können wir noch ohne Medien leben? – Fit für welche Zukunft? Nachhaltige statt nachhinkende Bildung – Kinder stärken ist keine »Expertensache«! – Eigene Gestaltungskraft entwickeln – Brücken bauen – was gegen Bildungsklüfte helfen könnte – Was Erwachsene über Medien wissen sollten – Daten zur Mediennutzung und Medienausstattung – Machen Medien dick, dumm, unkonzentriert, gewalttätig? – Überstunden am Bildschirm – Nutzungszeiten für verschiedene Altersgruppen – Medienmündig werden – Tipps und Tricks für den Alltag Ein Buch für Eltern, Erzieherinnen, Lehrer und alle, die mehr über einen souveränen Umgang mit den Medien herausfinden wollen. Mit Checks, Tipps und Tricks für den Alltag

Produktbeschreibungen

Pressestimmen

»Paula Bleckmanns Ausführungen über die Bild-Medien als Suchtauslöser sind in der Theorie und aus ihrer eigener Praxis fundiert; es geht ihr auch nicht um das Propagieren einer totalen Abstinenz, sondern um die kontrollierte, selbstbestimmte Nutzung, damit sich nicht die Menschen den Meiden anpassen, sondern umgekehrt die Menschen die Medien als Werkzeug sinnvoll nutzen oder anders drastisch ausgedrückt: der PC soll Knecht und nicht Meister sein. Bleckmann entwickelt systematisch und überzeugend ihre Alternativen zum üblichen und dominanten, eher technikaffinen Medienkompetenz-Training.« Klaus Ludwig Helf, GEW Erziehung und Wissenschaft, September 2012 »Lesen Sie das Buch “Medienmündig” von Paula Bleckmann. Es lohnt sich! Die Autorin setzt sich dort ergänzend zu ihrer eigenen Interviewstudie mit 60 Eltern kritisch und gescheit mit dem aktuellen Stand der Medienwirkungsforschung auseinander.« Prof. Christian Pfeiffer, Centaur, Juli/August 2012 »Autorin Bleckmann hat mit ihrem Buch einen spannenden Ratgeber geschrieben für Eltern und solche, die es werden wollen.« Johann Schacht, Blaue Narzisse, 30.05.2012

Leseprobe. Abdruck erfolgt mit freundlicher Genehmigung der Rechteinhaber. Alle Rechte vorbehalten.

Vorwort: Mut zum zukunftsträchtigen Zögern! Stellen Sie sich vor, Sie kommen völlig außer Atem eine Treppe aus der Bahnhofsunterführung hinaufgehetzt. Der Zug steht schon abfahrbereit am Bahnhof, die meisten Türen sind bereits geschlossen. An einer der offenen Türen steht jemand und ruft: Beeilen Sie sich, sonst fährt der Zug noch ohne Sie ab! So schnell Sie eben können, rennen Sie auf diese Tür zu und erreichen sie völlig atemlos und gerade noch rechtzeitig. Aber ganz kurz vor dem Einsteigen zögern Sie … Sie sind sich mit einem Mal nicht mehr sicher, ob es der richtige Zug ist. Fährt er überhaupt dorthin, wo Sie hinwollen? Das ist eine gute Frage! Dieses Buch soll Mut machen, genau solche Fragen an unsere schnelllebige »digitale Gesellschaft« zu stellen. Um in diesen entscheidenden Momenten zu zögern und Fragen zu stellen, muss man sehr mutig sein. Wem nützt die angeblich stetig zunehmende Bedeutung von Computern, Fernsehen, Internet und Co.? Nützt sie uns? Unseren Kindern? Oder den Herstellern dieser Produkte? Worauf zielt überhaupt Medienerziehung? Fördert sie das Bruttosozialprodukt? Bringt sie möglichst effizient medienkompetentes Humankapital hervor? Oder unterstützt und fördert sie wirklich das Wachstum und die Entwicklung zum Erwachsenen, der beziehungsfähig ist, frei denken und selbstbestimmt handeln kann? Es geht um große Entscheidungen: Wie lernen Kinder, wie lernen wir als Erwachsene einen selbstbestimmten und nicht süchtigen Umgang mit Medien? Nehmen Sie sich daher Zeit für dieses Buch. Lassen Sie sich zum Zögern ermutigen. Dank Ich bin sehr glücklich, so gute Freunde und Kollegen zu haben. Im Dialog mit ihnen haben sich meine Ideen zur Erziehung und Selbsterziehung im sogenannten Medienzeitalter erst entfalten können. Dank gebührt, stellvertretend für viele andere, euch: Silvia Alvarado-Witt, Ulrich Bartosch, Heinz Buddemeier, Eva Corino, Johannes Czaja, Ivan Illich, Edwin Hübner, Michael Myrtek, Judith Ölschläger, Christian Pfeiffer, Uwe Pörksen, Sonja Schlegelmilch-Weis. Danke auch an das Kollegium der Grundschule Wagenstadt und an die über 80 Elternpaare, die mir Zeit für Interviews im Rahmen meiner Doktorarbeit geschenkt haben. Für alles, was jetzt noch falsch ist oder holprig klingt, übernehme ich die volle Verantwortung. Meiner Familie möchte ich danken, weil sie meine Arbeit am Manuskript nicht nur durch ihren Einsatz und ihre Geduld überhaupt ermöglicht, sondern auch inhaltlich bereichert hat. Und einer jungen Mutter schulde ich noch besonderen Dank, nur weiß ich ihren Namen nicht. Das kam so: Nach einem Vortrag tritt sie auf mich zu und drückt mir die Hand, um sich bei mir persönlich zu bedanken. Erleichtert sei sie und fühle sich nun weniger unter Druck gesetzt. Ich erkundige mich vorsichtig, welche Art von Druck sie meine. Nun, die Anschuldigungen von den Großeltern und den Nachbarn, was sie ihren Kindern da alles vorenthalte, wenn sie die Kleinen nicht an den Fernseher und den Computer lasse, antwortet sie. Ich frage nach, wie alt denn die Kinder seien. Die ältere Tochter ist vier, die jüngere zwei Jahre alt. So weit ist es heute schon gekommen? Diese Begegnung hat mich erschüttert und dadurch zum Schreiben motiviert. Dies geschah an einem Punkt, als ich ernsthaft überlegte, ob ich mir die Nächte am Schreibtisch wirklich zumuten soll, ob ich zusätzlich auf so viele Stunden gemeinsamer Zeit mit meiner Familie, vor allem mit unseren drei wunderbaren und eigenwilligen Söhnen verzichten möchte, nur um eines Buches willen. Diese unbekannte Mutter hat mir eindrücklich vor Augen geführt, wie lohnend das Schreiben von »Medienmündig« ist, auch wenn ich nur ihr und einer Handvoll anderer Eltern Mut machen würde: Mut zum zukunftsträchtigen Zögern, Mut, nicht jedem Zeitgeisttrend blindlings zu folgen. Denn es geht ja um unsere Zukunft, mehr noch um unsere Kinder, die einmal als Erwachsene unser Leben entscheidend prägen werden, wenn wir schon alt sind. Emmendingen, Januar 2012 Paula Bleckmann Einleitung: Können wir noch ohne elektronische Medien leben? Medienmündig werden bedeutet zuallererst, nicht die Kontrolle über unsere kostbare Lebenszeit zu verlieren. Medienmündig sein heißt, souverän über die eigene Zeit verfügen, sich Zeitsouveränität bewahren. Unter Zeitsouveränität verstehe ich die freie Entscheidung, wie viel Zeit wir überhaupt mit Medien verbringen und damit anderen Tätigkeiten entziehen möchten. Warum ist diese Grundsatzentscheidung so wichtig? Weil eben diese Selbstbestimmtheit bedroht ist: Mit 15 Jahren hat ein deutsches Durchschnittskind bereits 12 000 Stunden vor dem Bildschirm verbracht1 und dabei wohl mehr als 10 000 Morde und 100 000 Gewalttaten gesehen, soweit man US-Erfahrungen auf Deutschland übertragen kann.2 Ein junger Mann von 15 Jahren verbringt in Deutschland sogar 7,5 Stunden vor Bildschirmen verschiedenster Größe. Dies sind Durchschnittswerte aus einer großen Repräsentativerhebung mit deutschen Schülern der 9. Klasse: 7,5 Stunden Bildschirmzeit pro Tag in der sogenannten »Freizeit«.3 Somit verbringen Jugendliche mehr Zeit mit Bildschirmmedien als mit irgendeiner anderen Tätigkeit, außer Schlafen. Diese Zahlen verdeutlichen, dass wir Kindern heute nicht mehr den Umgang mit Medien nahebringen müssen. Eher das Gegenteil ist der Fall. Die Frage, ob wir mit den Medien gut umgehen können, verwandelt sich zunehmend in die Frage, ob wir noch ohne Medien leben können. Ein extremes Beispiel: Im Jahr 2008 verwüstete der Hurrikan »Ike« die Golfküste in den USA und legte vielerorts die Stromversorgung lahm. Aus einem Krankenhaus in Houston wurde in den Tagen danach von Dutzenden Fällen schwerer Kohlenmonoxid-Vergiftung berichtet, die durch Dieselgeneratoren in schlecht gelüfteten Räumen entstanden. Traurige Berühmtheit erlangte dabei der Fall eines Jugendlichen, der den Generatorstrom nicht für »Lebenswichtiges« brauchte, sondern um am Computer spielen zu können – und deshalb an einer Kohlenmonoxid-Vergiftung starb.4 So ist der etwas makaber klingende Titel des Artikels zu verstehen: »Dying to play computer games – Fürs Leben gern Computerspiele spielen«. Sind denn die elektronischen Medien für Kinder und Jugendliche heute lebenswichtig? Hinter dieser Frage steckt mehr, als auf den ersten Blick zu erkennen ist. Was bedeutet »lebenswichtig«? Keine Frage: Fernseher, Gameboy, Computer, Handy können unsere Kinder in ihren Bann ziehen, so sehr, dass sie immer noch mehr davon wollen, dass der Umgang mit diesen Geräten in vielen Familien zum ständigen Streitthema wird, in Extremfällen sogar so sehr, dass sie dafür ihren Vater bestehlen, ihre Mutter tätlich angreifen, Lehrer belügen, Freunde vernachlässigen oder, wie in einem tragischen Beispiel, die eigene Schwester erstechen.5 Kann man daraus folgern, dass Kinder und Jugendliche die elektronischen Medien6 wollen, dass sie sie brauchen, dass sie für sie lebenswichtig sind? Diese Fragen sind weder mit Ja noch mit Nein befriedigend zu beantworten. Genau an diesem Punkt wissen viele Mütter und Väter, Erzieherinnen und Lehrer nicht mehr weiter. Also müssen wir die Frage anders formulieren: »Wie unterstützen wir in der Erziehung Kinder und Jugendliche darin, selbst zu entdecken, was sie wirklich wollen und was sie wirklich brauchen?« Wirklich wollen. Wirklich brauchen. Selbstbestimmte Entscheidungen setzen eine entwickelte, reife Urteilsfähigkeit voraus. Ein Kind muss eine solche Urteilsfähigkeit aber erst erwerben, was etliche Jahre dauern kann. Kleine Kinder müssen vor Fremdbestimmtheit in sensiblen Entwicklungsphasen geschützt werden, und zwar umso mehr, je kleiner sie sind. Wie können wir diesen Schutz gewährleisten? Jedenfalls darf man aus den schockierenden Zahlen nicht den vorschnellen Schluss ziehen, Kinder wollten fernsehen oder brauchten Gameboys. Wer ein Kind gut kennt und genau beobachtet, dem gelingt es, momentane Faszination von langfristigem…
Quelle: www.amazon.de
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